Wattenmeer: Massentourismus ohne Kontrolle

26-05-2008

Vom Artenschutz sind derzeit die Zeitungen voll, irgendwo im Urwald, ganz weit weg. Der Artenschwund vor der Haustür ist nicht so viele Zeilen wert. Die aktuelle „Rote Liste“ der Brutvögel des Landes Niedersachsen wird da schon ganz deutlich: „Freizeitdruck an der Küste bringt Strandbrüter in Not“.

Salzwiese Hilgenriedersiel, LK Aurich: Grillfete Foto: Voß

Wie wahr, Seeregenpfeifer, Strandregenpfeifer oder die Zwergseeschwalben leben am Limit, ständig gefährdet durch Touristenmassen mit oder ohne Hund, die in Scharen ihr Prospektvergnügen am Strand suchen und dabei so manche Vogelart von ihren Brutplätzen vertreiben. Die Fremdenverkehrsindustrie nennt das „Sanfter Tourismus“, Werbegesülze ohne Inhalt. Diese kleinen Vögel sind eben keine Orang Utans, Berggorillas oder Tukane. Diese unscheinbaren Strandbrüter kennt kaum jemand, und vermisst werden sie erst recht nicht, wenn sie mal gar nicht mehr da sein sollten. Im oder am Nationalpark Wattenmeer werden jährlich ca. 30 Millionen (ja: dreißig!) Tourismusübernachtungen gezählt, in einem Schutzgebiet. „Gelenkt“ werden diese Massen mit Informationsbroschüren, Schildern oder Wegemarkierungen, wenn sie denn beachtet werden. Kontrolle der Schutzvorschriften? Mäßig bis gar nicht, dafür aber jährlich hilflose Appelle der Nationalparkverwaltung in Wilhelmshaven. Auf 2.800 Quadratkilometer Fläche überwachen 15 Zivildienstleistende und 5 hauptamliche Nationalparkwarte auf den Inseln den Touristenandrang, ohne Kompetenzen und ohne Boote. Wer sich nicht an die Regeln halten will, hat es eben leicht. Deshalb ist in den Freizeit- und Schutzgebieten nicht der Bär, sondern der Tourismus los, wie gesagt, Strandbrüter in Not. Aber nicht nur die. In oder an den Rast- oder Äsungsflächen der Gänse oder Watvögel ist ständige Unruhe, von Menschen verursacht, Brandseeschwalbenkolonien werden ohne Rücksicht auf Verluste für ein schönes Foto betreten. Hunde oder Lenkdrachen wirken weiträumig in die Brut- und Zufluchtstätten hinein, Bootstouristen können überwiegend ungehindert die verstecktesten Sandbänke anlaufen und dort Seehunde vertreiben. Die neue Pest im Watt sind Kitesurfer, Individualisten, die sich an riesigen Zugsegeln ohne Rücksicht auf die Schutzvorschriften pfeilschnell über das Wasser ziehen lassen und so große Flächen von empfindlichen Vogelarten freihalten, nur die bräsigen Silberwöwen lassen sich kaum davon stören.

Zwei Kitesurfer in der strengsten Schutzzone des Nationalparks, viel Fun ohne Kontrolle, Foto: Voß

Einer aktuellen Zeitungsnotiz zufolge will nun die Nationalparkverwaltung mit der Wasserschutzpolizei „noch“ enger zusammenarbeiten, „um die Zahl der Gesetzesübertretungen auf einem möglich geringen Stand zu halten“, ließ sich der Nationalparkleiter Peter Südbeck vernehmen. Wie meinen? Wie „gering“ ist denn der Stand der Übertretungen? Da wäre doch zunächst eine raum- und zeitbezogene aktuelle Statistik ganz hilfreich, und die gibt es nicht. Neue Diensposten oder mehr Booote wird es für die „enge Zusammenarbeit“ mit der Polizei nicht geben, und die eigentlichen Kernaufgaben außerhalb der Schutzgebietskontrolle müssen die Beamten zunächst erledigen. Es klingt nach Pressegetöse ohne viel Inhalt. Ganz anders gehen unsere niederländischen Nachbarn mit ihrem Wattenmeer um. Der ist zwar kein Nationalpark, aber dennoch Schutzgebiet.

niederländisches Überwachungsschiff „Harder“ im Dollart, Foto: Voß

Drei seegehende 20m-Schiffe, die „Krukel“, „Orca“ und „Harder“, überwachen mit ihren Kapitänen das gesamte Watt. Die Kapitäne sind Naturschutzfachleute, beim Landbauministerium angestellt und haben Polizeigewalt. Die blauen Schiffe tragen eine deutlich sichbare Aufschrift, früher „Natuurbeheer“, heute „Waddenbeheer“, und jeder weiß, woran er ist; wer erwischt wird, zahlt eine Geldbuße, und das spricht sich herum. Für das deutsche Wattenmeer ist das Zukunftsmusik. Hier soll zwar ein „UNESCO-Weltnaturerbe“ für erklärtermaßen mehr Tourismus entstehen, die Überwachung des Schutzgebietes ist nach wie vor völlig unzureichendes Flickwerk. Es fehlen hauptamtliche Ranger mit hoheitlichen Befugnissen. Viele sog. „Entwicklungsländer“ machen es und vor, wie man Nationalparks schützt, da ist Deutschland noch ganz klar Lehrling. So wie es aussieht, ist aber eine qualifizierte und ausreichende Aufsicht gar nicht gewollt. Der Massentourismus ist ein bedeutender Wirtschaftsfaktor an der Küste, der die „große Freiheit Natur“ vermarktet, mit Hilfe der Nationalparkverwaltung in Wilhelmshaven. Im Urlaub will man sich eben erholen und nichts von lästigen Vorschriften hören.

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