Horst Stern wurde heute 85 Jahre alt: Herzlichen Glückwunsch!

Horst Stern wird heute 85 Jahre alt, und ich möchte ihm auf diesem Wege herzlich gratulieren. 1996 lernte ich ihn kennen, nach vielen Telefaxen und langen Telefongesprächen nach Irland ins County Kerry, wo er damals zurückgezogen weg von den Ansprüchen einer ständig fordernden Mediengesellschaft lebte. Meine Anliegen waren die immer wieder gravierenden Eingriffe in die Naturlandschaft Wattenmeer vor meiner Haustür in Ostfriesland und meine Bitte, diese doch bitte auf seine so eigene Art öffentlich zu kommentieren.

Nein, er wolle eigentlich seine Ruhe haben in Irland, er habe sich zurückgezogen vom Medienrummel. Es blieb bei einem vagen „Vielleicht“. Aber dann kam er doch, zu mir nach Hause, als er auf einer Deutschlandreise war. Er klopfte nicht vorne an der Haustür an, er kam „hinten rum“, durch den Garten. Nach einem viel zu schlappen Tee machten wir uns auf eine kleine Ostfrieslandrundfahrt, und er war entsetzt:

Windparks in Vogelrastgebieten am Nationalpark Niedersächsisches Wattenmeer, Massentourismus, mit Parkplätzen überbaute Salzwiesen, überflüssige Eingriffe des Küstenschutzes in die Schutzgebiete des Nationalparks.

Und dann war da noch die Sache mit dem Norddeutschen Rundfunk. Ein Bekannter, der beim NDR als Redakteur und Korrespondent im Nachbarort ein Tonstudio hat, bekam Wind von dem Besuch und bat mich, Horst Stern unbedingt vor sein Mikrofon zu bringen, egal wie. Er wolle ein Interview mit ihm machen. Und das wurde dann auch aufgezeichnet. Hammerhart schilderte Horst Stern seine frischen Eindrücke von diesem Landstrich, eine herbe Kritik.

Bei seiner Abreise hatte er es sich noch einmal überlegt, er bat mich, den Redakteur anzurufen und auf die Ausstrahlung im Rundfunk zu verzichten. Er sei doch sehr hart mit seinem Urteil gewesen. Ich rief also beim Redakteur an und übermittelte die Botschaft. Nein, so eine Gelegenheit könne er sich nicht entgehen lassen, das werde gesendet; und es wurde gesendet.

Horst Stern was not amused und sparte nicht mit Deftigkeiten.

Allem Ärger zum Trotz: Horst Stern griff einige Themen, die ich ihm vorschlug, auf und veröffentlichte sie in der inzwischen eingestellten Zeitung „Die Woche“ in seinen berühmten „Stern-Kolumnen“. Auf der WebSeite des Wattenrates Ost-Friesland kann man diese Beiträge noch nachlesen.

Eine sehr schöne Würdigung veröffentlichte heute die „Gesellschaft zur Erhaltung der Eulen e.V.“. Mit freundlicher Genehmigung der Eulenfreunde ist sie auch hier zu lesen:

>>Dr. h. c. Horst Stern zum 85. Geburtstag – Oktober 2007

So geschichtsvergessen der Naturschutz sein mag, eine seiner profiliertesten Gestalten ist bekannt und angesehen: Horst Stern. Stern kam vor 60 Jahren als Gerichtsreporter der Stuttgarter Nachrichten zum Journalismus, verfasste in den 1960er Jahren Manuskripte zu Tiersendungen für den Schulfunk, schrieb seit den 1970er Jahren Naturschutz- und Fernsehgeschichte. Im öffentlichen Bewusstsein blieb vor allem „Sterns Stunde“. In bis 1979 ausgestrahlten 26 Folgen konfrontierte Stern eine materiell orientierte Wohlstandsgesellschaft auf eine neuartige und unsentimentale Weise mit des Menschen Verhältnis zu Tier und Natur. So am Heiligen Abend 1971 etwa mit den „Bemerkungen über den Rothirsch“, welche die Jagdlobby als ungeheuren Tabubruch empfand und eine hitzige forstpolitische Debatte auslösten. Stern führte vor, was ein aus ökologischem Unverstand und des Trophäenkults wegen gehätschelter Wildbestand aus dem deutschen Wald gemacht hatte. Alles dies – heute unvorstellbar – zur besten Sendezeit. Der Bildschirm war weniger flach, der Bildungsanspruch öffentlich-rechtlicher Sender (andere gab es nicht) größer und die Programmverantwortlichen von anderem Format.

Während sich zur selben Zeit Bernhard Grzimek und Heinz Sielmann als Tierfilmer auf ihre Weise mit unterhaltsam schönen Bildern aus entlegenen Teilen der Erde an sich derselben Sache verpflichtet fühlten, ging es Stern um die Aufdeckung der ungeschönten Wirklichkeit hierzulande. Sein Konzept brach mit den paradiesischen Aufnahmen aus der Tierwelt der Kollegen. Sterns Stärken: die scharfe Recherche, die unbestechliche gesellschaftskritische Analyse, die präzise, pointierte Sprache und der provokative, politisierende, bisweilen polemische Stil.

Stern schuf aber nicht nur ein neues Fernsehgenre. 1980 folgte das Magazin „Natur“, dessen Herausgeber und Chefredakteur er bis 1984 war. Es hob den Naturschutz im Blätterwald erstmals auf dieselbe Höhe wie andere Magazine den Sport oder das Auto. Dass sich für gedruckte Naturschutzinformation, wenn man es recht anstellte, eine breite Öffentlichkeit interessieren ließ, hatte Stern schon mit drei Buchbestsellern gezeigt: „Rettet die Vögel“ (1978), „Rettet den Wald“ (1979) und „Rettet die Wildtiere“ (1980). Stern schrieb eine Vielzahl bemerkenswerter Beiträge und Aufsätze. Erinnert sei hier nur an „Stern für Leser“ (1973), „Mut zum Widerspruch“ (1974), „Das Horst-Stern-Lesebuch“ (1992) oder „Das Gewicht einer Feder“ (1997). 1972 gehörte Horst Stern (zusammen mit Konrad Lorenz, Irenäus Eibl-Eibesfeldt, Bernhard Grzimek und Heinz Sielmann) zu den Gründern der „Gruppe Ökologie“, die sich als Protestbewegung gegen das mangelnde ökologische Bewusstsein der Industriegesellschaft verstand. Die Errichtung deutscher Nationalparks geht wesentlich auf Stern zurück. 1975 war Stern einer der Gründer des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland e. V. (BUND). Überdies gibt es den Schriftsteller Stern, der mit Werken wie „Mann aus Apulien“ (1989), „Jagdnovelle“ (1989) und „Klint“ (1993) Natur, Naturwissenschaft und Naturschutz auch auf literarischem Terrain verbunden ist.

Noch zum Ende der 90er Jahre griff Stern als Kolumnist der Wochenzeitungen „Die Woche“ und „Die Zeit“ Missstände an, so etwa in deutschen Nationalparks, die ob ihres unzureichenden Schutzes wegen das Etikett nicht verdienen, das ihnen die Länderregierungen angehängt haben. In dieser Zeit galten einige Kolumnen den Kernthemen der EGE. Zwei dieser Kolumnen veröffentlichen wir an dieser Stelle.

Seit Stern hat niemand mehr die Vermarktung der Landschaft und das Elend der Tiere so öffentlich wirksam angeklagt. Sterns Schlussfolgerungen ließen an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig. Sie waren für jeden Politiker, Unternehmer und Konsumenten gleichermaßen unbequem. Seine Kritik galt nicht allein der bloßen Ahnungslosigkeit und Unwissenheit, sondern zielte auf die hemmungslose Profitgier und damit einen Eckpfeiler der kapitalistischen Gesellschaft – noch bevor das Motiv für die Ausbeutung des Tieres und der Natur mit dem Schlagwort der Globalisierung verschleiert war. Sterns Kritik der Zustände ist aktueller denn je, denn die Welt verheerende Vergötzung des Marktes nimmt immer monströsere Ausmaße an. Der Frage, was wichtiger sei „Wollgras oder Textilfabrik“, verweigerte Stern die Antwort wegen der Unmenschlichkeit der Frage. Der Naturschutz von heute hingegen legitimiert das Eintreten für die Biosphäre vor allem, wenn nicht einzig, ihres ökonomischen Nutzens wegen. Die Ökonomisierung aller Lebensbereiche hat den Naturschutz längst selbst erreicht. Besser geworden ist die Welt darüber nicht.

Horst Stern hat sich seit einigen Jahren zurückgezogen, erst nach Irland, dann in Deutschland. Die Mitgliederzahlen der Naturschutzorganisationen, die ihnen zur Verfügung stehenden materiellen Mittel, ihre personelle Ausstattung und mediale Präsenz haben sich in den letzten 30 Jahren vervielfacht. Hinzugekommen sind Mitwirkungs- und Klagerechte und wohl auch Kompetenz. Zeitgleich etablierte sich von der nationalen bis zur lokalen Ebene eine zwar von der Politik kontrollierte und vielfach blockierte, aber an sich professionelle Naturschutzverwaltung. Stern hat an dieser Entwicklung mehr Anteil, als er glaubt. Die Rückschau auf Sterns Schaffen als Journalist, Buchautor, Herausgeber und Schriftsteller zeigt, wie sehr es dem Naturschutz im Inneren an einer Identifikations- und Integrationsfigur und nach außen hin an einer Persönlichkeit, einem Gesicht und einer Stimme fehlt. Zu sehr sind die Naturschutzorganisationen mit dem Wunsch nach Beliebtheit in die Beliebigkeit abgeglitten, vom Zeitgeist vereinnahmt, in jeder Hinsicht verflacht, immer weniger konfliktbereit und noch weniger konfliktfähig, um an Stern anknüpfen zu können. Diese Organisationen haben viel von der Rolle eingebüßt, mit der sie einst dem Naturschutz Bahn brachen. Sie finden sich zumeist nur mehr im Schlepptau staatlicher Umweltpolitik – überdies, ohne es zu bemerken oder darüber bekümmert zu sein. Statt eines Sterns zeigen sich an einem verdunkelten Himmel eher Irrlichter. Auch das ist Preis für eine Gesellschaft, die den Preis von allem und den Wert von nichts kennt. <<