Unser Zukunfts- Bürgermeister

Bürgermeister im Dorf kann ja so einfach sein: Alle Jahre wieder werden mit schönen Worten vor Publikum und Presse im Dorfgemeinschaftshaus „Haltestä“ die eigenen Erfolge zelebriert. Vor „rund 100 Zuhörern, darunter zahlreiche Vertreter aus der Politik“ (so die Ostfriesen Zeitung) blickte Bürgermeister Enno Ihnen auf die tatsächlichen oder vermeintlichen Errungenschaften in der Gemeinde aus dem Jahr 2015 zurück. Einen „Orden“ gab´s es noch dazu. In diesem Jahr wurde der „Johannistein“ einem Musik-Entertainer aus Fulkum verliehen, herzlichen Glückwunsch dafür.

Siedlungsbrei und Eichenkahlschlag

Nachfolgend sollen die Ereignisse angesprochen werden, die sich nicht so gut zur medienwirksamen Selbstdarstellung unseres Gemeindeoberhauptes eignen: Auch in Holtgast definiert man „Erfolge“ mit überbautem Land, also neuen Siedlungen im Ort, die von besorgten Städteplanern schon als flächenfressender „Siedlungsbrei“ bezeichnet werden. Im neuen Baugebiet „Oll Schoolpadd“ seien, so der Bürgermeister, bisher 13 der 24 Bauplätze verkauft worden, also etwas mehr als die Hälfte. Dafür ließ die Gemeinde über den Projektierer mehr als zehn hundert Jahre alte und gesunde Eichen fällen, erhebliche Anliegerproteste waren die Folge. In einer anschließenden Anliegerversammlung wurden alle Proteste von Bürgermeister Ihnen weggewischt oder, wie es eine Teilnehmerin ausdrückte, die Anwohner „für dumm verkauft“. Eine Zuhörerin aus dem benachbarten Brandshoff gleich um die Ecke bekam Redeverbot von ihm, weil sie nicht in der Eekenstraat wohnte, gelebte Ortsdemokratur eben. Eine schonendere Planung der neuen Siedlung hätte die Bäume erhalten können, so wurde jeder Quadratmeter in laubfreies, aber auch für die Gemeinde lukratives Bauland umgewandelt. Und das ausgerechnet in der „Eekenstraat“, wo nun keine Eichen mehr wachsen. Bald sollen neue Bäume gepflanzt werden, als „Ausgleichsmaßnahme“, auf einem Wall, der gegenüber dem Bäcker an der Landesstraße 6 neu errichtet wurde. „Wallhecke“ sollte man dieses Konstrukt besser nicht nennen, es ist nur ein Wällchen und liegt direkt an einer vielbefahrenen Straße. Hundert Jahren werden vergehen müssen, bis aus zwanzig neuen Eichen wieder stattliche Bäume geworden sind. Wer weiß, was dann ist. Auch die nun gefällten Eichen sollten noch bis vor wenigen Jahren laut einem früheren Ratsbeschluss erhalten bleiben. Wenn der Flächenfraß in Holtgast so rasant fortgesetzt wird wie jetzt, wird die Gemeinde ihr noch grünes und ländliches Gesicht verlieren.

Straßensanierung

Enno Ihnen sprach die 140.000 Euro teure Straßensanierung in Holtgast an. Das wird wohl ein Dauerposten im Haushalt werden. Die überschweren landwirtschaftlichen Fahrzeuge mit bis zu 40 t Gesamtgewicht haben die dafür nicht gemachten Wirtschaftswege im Hammrich bereits zerfahren. Auch die für nur sechs Gewichtstonnen zugelassene Straße Brandshoff oder der angrenzende Feldweg werden häufig mit diesen riesigen Güllespritzern oder mit Ladewagen-Gespannen befahren und schließlich zerdrückt.

Irgendwann wird das sehr teure Sanierungsmaßnahmen nach sich ziehen. Dann werden es die Anlieger sein, die mit fünfstelligen Eurobeträgen ihre Straße bezahlen dürfen, die sie nicht zerstört haben. Sinnvoll und langfristig kostengünstiger wäre daher eine Zuwegung zu den Ländereien, die nicht durch die Wohnsiedlung führt.

Verkehrssicherheit

Eine deutliche Verbesserung der Verkehrssicherheit ist zweifellos die neue Fußgängerampel über die Landestraße, finanziert von einigen Windbaronen aus dem Ort. Die Gemeinde hatte kein Geld dafür. Aber für die – vergebliche – Windparkplanung in Hartsgast sollen 40.000 Euro aus der Gemeindekasse geflossen sein. An der L6 sind 70 km/h vorgeschrieben, viel zu schnell für die Fußgängerampel. Für alle sicherer wären jedoch 50 km/h, wie in Ortschaften üblich, aber in Holtgast ist das laut Bürgermeister Ihnen nicht umsetzbar, in Fulkum wundersamerweise schon. Es gäbe noch viel mehr zu tun: Die gebotenen 30 km/h im Holtgaster Ortsbereich hält kaum ein Fahrer ein, es wird trotz dichter Wohnbebauung gerast. Bei einer polizeilichen Langzeitmessung vor ein paar Jahren brachte es der schnellste Fahrer auf 74 km/h. Einfache Fahrbahnmarkierungen „30“, die wiederholt an die Geschwindigkeitsbegrenzung erinnern und in anderen Orten längst gängige Praxis sind, lehnten Enno Ihnen und der Rat ab. Im Kreuzungsbereich Brandshoff-Schulstraße kommt es nicht selten zu haarsträubenden Begegnung mit Kurvenschneidern, die auf der falschen Seite mit erheblicher Geschwindigkeit in die Schulstraße einbiegen. Eine einfache Mittellinie könnte Abhilfe schaffen und den Schulweg der Kinder sicherer machen.

Windenergie

Eine geplagte Personengruppe klammerte der Bürgermeister aus: die lärmgeschädigten Anwohner des Windparks Utgast. Es wachsen derzeit immer neue einhundert Meter hohe und laute Windkraftanlagen empor, vom Rat fast diskussionslos durchgewunken und vom Landkreis stets genehmigt, obwohl es ausreichende Versagungsgründe gäbe. Diese Anlagen werden direkt an einem europäischen Vogelschutzgebiet errichtet; gäbe es einen Kläger wie bei der berühmten Umgehungsstrraße Bensersiel wäre sicher Schluss mit Windkraft in Utgast. Vierzig dieser Lärmmonster sollen es schließlich werden, dafür sollen die alten kleineren und leiseren Tacke-Anlagen abgebaut werden. Der Rotorenlärm, der bei bestimmten Windrichtungen und -stärken nachts sogar im südlichen Ortsbereich, drei Kilometer entfernt, als dumpfes Grollen zu hören ist, wird also noch zunehmen.

Die Anlagen bringen schon jetzt die direkten Anwohner um den Schlaf und die Gesundheit. Die Immobilien verlieren an Wert durch den nahen Windpark. Wer will schon freiwillig mit dieser Dauerbeschallung für die nächsten zwanzig Jahre leben? In der Samtgemeinde will man die Anzahl der Windkraftanlagen einfrieren. Für eine Fläche für drei weitere geplante zweihundert Meter hohe Anlagen in Hartsgast gab es bereits keine Mehrheit mehr im Samtgemeinderat. Enno Ihnen stimmte als Vorsitzender des Bau- und Umweltausschusses in der Samtgemeinde Esens gegen den Stopp weiterer Anlagen. Auch eine geplante Bürgerbefragung für oder gegen noch mehr Windkraftanlagen lehnte Enno Ihnen bei der Abstimmung als Klientel-Demokrat im Samtgemeinderat ab. Seine Wähler kommen aus der Landwirtschaft, die Flächeneigentümer und Windkraftbetreiber sind, die nicht selten der CDU nahe stehen und deshalb den CDU-Politiker Ihnen wählen. In Holtgast segelt der Bürgermeister unter der Flagge „Freie Wählergemeinschaft“, frei wovon? Ist er nun eigentlich Bürgermeister oder nur ein „Bauernmeister“? „Die Gemeinde kann heute beruhigt in die Zukunft blicken“ lobte Enno Ihnen sich selbst, zitiert in der Lokalzeitung „Anzeiger für Harlingerland“. Warten wir es ab. Aber mit solchen Sprüchen pflegt er sein Image vor dem Haltestä-Publikum im Sommer bei Bier und Bratwurst und im Winter bei der Johannistein-Verleihung, da geht es stets harmonisch zu….

(Alle Fotos aus Holtgast Copyright Manfred Knake)

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